Gedenken gegen das Vergessen: Der 17. Juni 1953

Für uns als Schülerin bzw. Schüler des Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasiums war es eine besondere Ehre, im Rahmen der Gedenkveranstaltung an die Opfer des 17. Juni 1953 erinnern zu dürfen. Nicht zuletzt die unmittelbare Nähe unserer Schule zum Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis verlieh diesem Anlass eine besondere Bedeutung. Entsprechend groß waren die Vorfreude, aber auch die Anspannung vor unserem Redebeitrag.

Teil der Gedenkveranstaltung zu sein und gemeinsam mit Zeitzeugen, Bürgerinnen und Bürgern sowie dem Oberbürgermeister der Ereignisse zu gedenken, war für uns eine prägende und nachhaltige Erfahrung. Besonders berührt haben uns die persönlichen Rückmeldungen und Dankesworte der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nach unserer Rede. Sie haben uns gezeigt, wie wichtig das Erinnern und die Auseinandersetzung mit der Geschichte auch für junge Menschen sind.

Unser Dank gilt allen Beteiligten, die uns diese aktive Mitwirkung am Gedenktag ermöglicht haben, sowie allen Anwesenden für die wertschätzenden und positiven Reaktionen.

Nelia Strischewski und Tim Kinder über ihren Redebeitrag am 17. Juni 2026

Höhepunkt der Gedenkveranstaltung war der bewegende Redebeitrag von Nelia Strischewski und Tim Kinder. Die Schüler des Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasiums machten deutlich, dass Erinnerungskultur nicht nur dem Blick in die Vergangenheit dient, sondern auch Orientierung für Gegenwart und Zukunft gibt und die Auseinandersetzung mit diktatorischen Systemen auch aktuell wichtig bleibt. Nelia Strischewski beleuchtete außerdem die weibliche Seite des Volksaufstands, die oft unsichtbar bleibt. Die Jugendlichen schlossen mit dem einstimmigen Appell: „Es lebe die Freiheit, es lebe die Demokratie!

Beitrag (Auszug) des Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis vom 17. Juni 2026, online unter: https://gedenkort-kassberg.de/17-juni-es-lebe-die-freiheit-es-lebe-die-demokratie-schuelerinnen-und-schueler-appellieren-zum-jahrestag-des-volksaufstands/ (letzter Aufruf: 21.06.2026)

Bildrechte: Thomas Hammel, Lehrer am Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium

Vollständige Rede

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schulze, sehr geehrte Frau Dr. Aris,

liebe Chemnitzer Bügerinnen und Bürger,

als Schüler der 10. Klasse ist uns der historische Anlass dieses Tages, der tief in die Geschichte unseres Landes eingebettet ist, mehr als gegenwärtig. Lassen sich deshalb von mir auf eine kurze Zeitreise zum 17. Juni 1953 mitnehmen:

Wir befinden uns mitten im Geschehen – um uns herum Rufe nach der Senkung der Arbeitsnormen, nach dem Rücktritt der Regierung, nach der Freilassung politischer Gefangener und sogar der Wiedervereinigung – und Schüsse. Schüsse auf Demonstranten, Passanten und Zuschauer, die die nächsten 50 Jahre namenlos bleiben sollen. Was als Bauarbeiter-Aufstand begann, entwickelte sich in kürzester Zeit zu einem Protest, welcher die gesamte deutsche Nation bewegte. Es ist ein Tag, an dem sich fast eine Million ostdeutsche Bürgerinnen und Bürger gegen das SED-Regime erhoben und damit gegen ein System, welches ihnen grundlegende Rechte entzog. All die Forderungen der Demonstrierenden sind als ein lauter und entschlossener Ruf nach Freiheit und Demokratie zu verstehen.

Wir befinden uns wieder mitten im Geschehen: Sie sehen all diese wütenden und verzweifelten Bürger um sich herum und fragen sich, wie es dazu kommen konnte. Mit der Staatsgründung 1949 begann in der DDR der Aufbau des Sozialismus nach sowjetischem Vorbild, dessen reale Umsetzung schnell den Mangel zum Status quo machen sollte. Mit Stalins Tod regte sich vorsichtige Hoffnung, dass man sich zumindest in Ansätzen aus dem enggeschnürten Tau der Sowjetunion befreien könne. Als sich diese Hoffnungen der Bevölkerung spätestens mit der Normerhöhung um gut 10% zerschlugen, stellte sich eben jene Bevölkerung gegen die Regierung ihres Arbeiter- und Bauerstaates. Die Rücknahme der Normerhöhung und ein langsamerer Aufbau des Sozialismus reichen vielleicht, um Forderungen im Arbeitskampf zu befrieden, aber lange noch nicht, um die politischen und gesellschaftlichen Hoffnungen zu zerschlagen. Dem drohenden Staatskollaps entgeht das SED-Regime nur unter Einbezug von Panzern gegen Parolen, dem Terror gegen das eigene Volk.

Und hier stehen wir jetzt. Zu Beginn sagte ich, dass der 17. Juni tief in die Geschichte eingebettet ist. Aber genauso ist dieser Teil unserer Gegenwart. Der 17. Juni lehrt uns auf

erschreckende Weise, wie weit ein Staat unter Einbezug von Kontrolle, Gewalt und Repression gegen sein eigenes Volk geht, wenn seine Legitimität nicht aus dem Willen jenes Volkes hervorgeht. Wenn wir den 17. Juni 1953 betrachten, dürfen wir ihn nicht isoliert sehen. Er steht in enger Verbindung mit dem Ungarnaufstand 1956, dem Prager Frühling 1968 und letztendlich auch mit der Friedlichen Revolution 1989. All diese Ereignisse werden geeint von dem Wunsch der Menschen nach Freiheit und Demokratie, sowie der Erkenntnis, dass autoritäre Staaten nicht langfristig stabil sein können. Und exakt hier liegt der Bezug zur Gegenwart. Wir leben in einer Zeit, in welcher jene freiheitlich-demokratischen Werte nicht nur international, sondern auch hier, bei uns innerhalb unserer Gesellschaft, unter Druck stehen. Der 17. Juni mahnt uns: Freiheit und Demokratie sind kein Selbstverständnis, sie leben von Courage, Offenheit zu Kritik und engagierter Beteiligung.

Wenn wir uns an den 17. Juni 1953 erinnern, dann erinnern wir uns an einen Arbeiter-Aufstand, einen Aufstand, der bisher vor allem männlich konnotiert war. Über die anderen – zum Teil entscheidenden 50% der Bevölkerung – wurde lange Zeit geschwiegen. „Alles raus, wir streiken!“ – Mit diesem Aufruf forderte eine Arbeiterin am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin andere Menschen zum Streik auf. Die Proteste im Juni 1953 waren weitgehend spontan, und es stand keine Organisation dahinter, die ihre Mitglieder mobilisieren oder über weitreichende Netzwerke zum Protest hätte auffordern können. So brauchte es in jedem Betrieb Menschen, die andere mitrissen, sie dazu brachten, die Arbeit niederzulegen und auf die Straße zu gehen. Und das waren – neben vielen Männern – eben auch Frauen. Ein Name, der immer wieder fällt, ist „Erna Dorn“. Sie ist unter vier weiblichen Todesopfern in Folge des 17. Juni die Einzige, die regelmäßig namentlich genannt wird. Das bedauerliche daran ist, dass wir zwischen MfS-Akten und vermeintlichen Selbstzeugnissen überhaupt nicht wissen, wer diese Frau überhaupt war, woher sie kam, wofür sie stand. Ihr Beispiel zeigt, dass die Geschichten der Wortführerinnen und engagierten Frauen des Volksaufstandes wenig erzählt oder gänzlich unerzählt sind. Und so wird der 17. Juni für mich als junge Frau auch zum Tag der Frauen, die genauso Geschichte machen, aber im Zeitgeschehen untergehen. Jeder auftauchender Frauenname, den die geschichtswissenschaftliche Forschung hervorbringt, ist so nicht nur ein geschichtlicher, sondern auch ein emanzipatorischer Gewinn.

Meine Damen und Herren, jener Mut der Demonstrierenden war es, der uns unsere heutigen Rechte, Pflichten und Freiheiten in einem geeinten Deutschland mit erkämpft hat. Der 17. Juni ist weit mehr als ein historisches und vergangenes Datum. Er ist ein Auftrag, ein Auftrag den Opfern und ihrem Mut jener Tage zu gedenken und die Werte, für welche sie gekämpft haben, zu bewahren. Lassen sie uns den Mut der Demonstrierenden gemeinsam fortführen.

Liebe Chemnitzerinnen, liebe Chemnitzer, es lebe die Freiheit, es lebe die Demokratie.